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Die Stadt
Flavio, 6 Jahre
Ich stelle Dir meine Familie vor
Hier spricht mein Papa
Da die Geburt meines Sohnes Marcos für mich bereits ein tiefes Erlebnis
war, glaubte ich bei Flavios Ankunft auf nichts Neues mehr gefaßt sein zu müssen; ich würde eben zum zweiten Male Vater werden! Doch wenige Monate nach Flavios Geburt machte sich in Marcos eine klare und persönliche Verbindung zum Geistigen bemerkbar. Obwohl ich von Hause aus
Katholik bin, war mir die Ausübung frommer Praktiken bis zu diesem
Zeitpunkt ganz fremd. Ich war ein Intellektueller, geprägt von den wissenschaftlichen Traditionen des Westens, religiös, ein purer Agnostiker.
Als mein älterer Sohn anfing, von Dingen zu sprechen, die er ganz
einfach wußte, erhielt mein intellektuelles und emotionales Selbstbe-
wußtsein einen starken Stoß. Ich konnte ganz klar sehen, daß die Auf-
fassungen, die er in seiner kindlichen Sprache von sich gab, die Visio-
nen einer exzentrischen und übernatürlichen Wirklichkeit waren. Ich
hörte ihm zu und versuchte, mich nicht einzumischen, ich nahm hin,
ohne zu kritisieren, ich fragte, ohne auf Antworten zu bestehen. Wir
sprachen frei und spontan miteinander. Manchmal kam ich dahinter,
daß Marcos ganze Gedankenketten oder Bildfolgen von mir auffing;
ähnliches gelang ihm mit seiner Mutter. Diese telepathische Begabung
scheint mir jedoch nicht das Wichtigste zu sein. Marcos entwickelt
ganz eigene Ideen, die er mit großer innerer Überzeugung ausspricht
und verteidigt. Außerdem scheint seine Verbindung zu den feinstoff-
lichen Ebenen sehr intensiv zu sein. Er spricht mit größter Selbstver-
ständlichkeit von seinen "nächtlichen Reisen" während des Schlafes
und von seiner Verbindung zu Engelwesen, die dem physischen Auge
nicht sichtbar sind. All dies zwang mich zu einer gründlichen Überprü-
fung meiner eigenen Vorstellungen. Besorgnisse über den Geisteszu-
stand des Jungen vergingen so schnell, wie sie gekommen waren; Mar-
cos war ein zwar schüchternes, aber sehr fröhliches und anpassungs-
fähiges Kind. Während Marcos uns also sehr beschäftigt hielt, wuchs
Flavio ruhig und friedlich heran.
Mit drei Jahren begann Flavio "zu sprechen". Beide Kinder hatten
grundsätzlich dieselben Auffassungen. Wir waren aufmerksame Zuhö-
rer, wenn Marcos Flavio über die Spielregeln und die Besonderheiten
dieser Welt aufklärte. Flavio bewunderte und respektierte seinen Bru-
der, aber schon sehr bald führten sie lebhafte Gespräche über die klei-
nen Unterschiede ihrer "metaphysischen" Gedankengänge.
Beide waren sich absolut einig in ihrer Überzeugung, Teil eines
großen Ganzen zu sein. "Gott ist das Ganze, und alles, was existiert,
sind Teile Gottes", sagten sie.
Als sie älter wurden, zeigte sich, daß ihre beiden Persönlichkeiten
zwar sehr verschieden waren, einander aber gut ergänzten.
Marcos paßt sich mehr intuitiv an seine Umwelt an; in seiner wun-
derbaren Unbekümmertheit nimmt er die Dinge liebevoll so, wie sie sind.
Er sieht die Sonnenseite des Lebens und drückt das dadurch aus, daß er
gerne lacht. Marcos' Lachen strahlt Liebe aus. Er schreibt und zeichnet
gerne, erfindet viele Spiele. Er ist ebenso klug wie körperlich gewandt.
Flavio ist mehr der Theoretiker. Er kann mit allergrößter Einfach-
heit den Kern einer Wahrheit herausschälen. Es ist sehr eindrucksvoll
zu sehen, welch große Kraft er aus der Verbindung mit seiner Wahr-
heit zieht. Es fällt mir wie Schuppen von den Augen, wenn er die
Dinge so einfach sagt. Er geht immer weiter und erarbeitet immer tie-
fere und noch genauere Theorien über seine spirituellen Wahrnehmun-
gen. Flavio ist ein schüchternes und sensibles Kind von heikler
Gesundheit; er bedarf einer äußerst liebevollen Umgebung.
Mit der Zeit verstand ich, daß die beiden Kinder über einen inneren
Kern der Weisheit verfügen, der ihnen beiden eigen und gemeinsam ist,
daß sie aber verschiedenen Aufgaben nachgehen. Ohne Zweifel ist es
heute Flavio, der das Wort führt. Sein Auftrag lautet, wie er selbst sagt,
über die spirituelle Wirklichkeit aufzuklären. Er besitzt übrigens die
besondere Gabe, den richtigen Augenblick zu finden. Er weiß immer
ganz genau, wann, wo und mit wem er ohne Schnörkel reden kann;
dabei irrt er sich nie!
Es ist nicht leicht, Kinder zu erziehen und gleichzeitig von ihnen
zu lernen, aber es ist eine faszinierende Erfahrung. Meine eigenen
Auffassungen von der Wirklichkeit sind völlig auf den Kopf gestellt
worden. So wachse ich mit meinen Kindern. Trotz ihres inneren Lich-
tes brauchen sie mich, um sich auf der Ebene des handgreiflichen All-
tagslebens zurechtzufinden oder wie sie sagen: bei ihrer Erfahrung in
der "dichten Materie"! Jede der beiden Persönlichkeiten bedarf einer
anderen Einstellung, mehr oder weniger strenger, verschiedengearte-
ter Begrenzungen.
Dieses Buch ist ein getreues Zeugnis von so manchen Erlebnissen, die
wir miteinander teilten. Ich glaube, daß es von Nutzen ist, unsere Erfah-
rungen in dieser Zeit des Überganges zu neuen Formen des Menschseins
anderen mitzuteilen.
Ich bin sicher, daß es viele Kinder wie Marcos und Flavio gibt. Sie
warten nur auf die Gelegenheit, sich einer offenen Umgebung anzuver-
trauen, um auf diese Weise ihre Verbindung zum Licht zu wahren.
Omar Nestor
Hier spricht meine Mama
Ich glaube, daß meine Kinder durch mich zur Welt gelangten, weil
ich mich erinnern konnte. Jetzt weiß ich es. Alle Kinder wissen,
aber während des Heranwachsens vergessen sie das Wichtigste.
Als ich neun Jahre alt war, erfuhr ich, daß wir nach Buenos
Aires übersiedeln wollten. Wir lebten damals in einem kleinen
Dorf am Rande des Urwalds, in einer Welt von lichter Weite und
freier Natur, und nun sollte ich diesen wunderschönen Ort ver-
lassen, wo ich geboren und großgeworden war und den ich so
sehr liebte, um in einer riesengroßen Stadt aus Beton zu leben.
Ich war wütend und traurig, aber ich konnte nichts dagegen tun,
die Erwachsenen hatten es so beschlossen.
Ich kann mich an eine Mittagsstunde erinnern, die wie ver-
zaubert war. Ich spielte allein im Innenhof des Hauses, als es
geschah: Die Zeit schien stillzustehen, alles lag in stummer
Erwartung da. Ich spürte plötzlich die Hitze der Mittagszeit
nicht mehr, und der Busch hörte auf zu rauschen. Ich fühlte, daß
mich jemand ansah. Jemand stand hinter mir und beobachtete
mich, beobachtete das kleine Mädchen, das ich war. Aber gleich-
zeitig war ich es selbst als erwachsene Frau, die dieses kleine
Mädchen, das sie einmal war, liebevoll und sehnsuchtsvoll
betrachtete.
Dies war der erste flüchtige, wenn auch intensive Kontakt
mit der Ganzheit meines Lebens. Diese Frau war die Mutter
zweier Kinder und hatte einen Lebensgefährten an ihrer Seite.
Sie kam zurück an jenen Ort, in dem sie eine Brücke aus Liebe
und Verständnis baute, über die Zeit hinweg, denn sie wollte das
kleine Mädchen daran erinnern, daß dies alles ein Teil ihres
Schicksals war.
Ich spürte den Glanz des Wissens und des Seins, der Ganz-
heit und der Verbindung zu allen Teilen meiner Existenz. Als ich
schließlich wieder in meinem neunjährigen Leben landete, war
der Schmerz über das Fortgehenmüssen verschwunden. Ich fühl-
te mich erleichtert und beschützt. Ich wußte, daß es zur Ord-
nung meines Lebens gehörte, meinen Heimatort zu verlassen.
An jenem Tag gab ich mir selbst ein feierliches Versprechen: Ich
gelobte, niemals zu vergessen! Ich wollte mich immer erinnern,
nichts vergessen, und ich wollte mich erinnern, daß man sich
erinnern kann.
Jahre später lernte ich als junges Mädchen einen Mann ken-
nen. Ich erkannte ihn auf den ersten Blick als den Mann, der bei
der Frau war, die ich in Zukunft sein würde, als den Vater unse-
rer künftigen Kinder. Ich wußte es, doch er ahnte nichts! Das
war ein harter Schlag für mich. Es war also für die anderen nicht
selbstverständlich, sich an die Zukunft zu erinnern. Aber trotz-
dem beruhigte mich die Überzeugung, daß wir uns zur rechten
Zeit schon finden würden. Jeder ging seiner Wege, und es vergin-
gen mehr als fünf Jahre, bis wir uns wiedersahen. Diesmal
begannen wir eine Beziehung, oder besser gesagt, wir nahmen
sie wieder auf. Es war überraschend, wie wohl wir uns miteinan-
der fühlten, so als ob wir uns schon sehr lange kennten. Wir bau-
ten eine tiefe und verantwortungsvolle Freundschaft auf, mach-
ten uns aber keine Liebeserklärungen.
Nach langem Überlegen begannen wir zusammenzuleben.
Wir vertrauten uns gegenseitig völlig; wir wußten ganz einfach,
daß wir zusammen bleiben würden. Dieses Wissen war in uns
beiden tief verwurzelt und half uns über manche Schwierigkei-
ten hinweg. Am Anfang unseres Zusammenlebens gab es die
üblichen Rivalitäten und Eifersüchteleien, denn wir waren beide
sehr jung und jeder wollte seine Identität so gut wir möglich
wahren. Wir erlebten das archetypische Dilemma jeder Bezie-
hung: Nämlich das Gleichgewicht zwischen Freiheit und Inti-
mität zu finden. Beide wollten für sich wachsen und trotzdem
Zusammensein. So schlössen wir einen Pakt der Vereinigung in
Freiheit, der auf vollkommenem Vertrauen beruhte.
Es fiel uns nicht leicht, aber es gelang uns, eine intensive
und fließende Beziehung aufrechtzuerhalten, die mit wenigen
festen Regeln auskamen. Ein gemeinsames Erlebnis vertiefte
unsere Verbindung. Wir verbrachten im Herbst ein Wochenende
auf einer der vielen Inseln vor der Küste. Es war bitterkalt, und
wir zündeten ein Feuer im Eisenofen an. Vor dem Schlafengehen
mußten wir ihn aus dem Zimmer entfernen, denn er roch bedroh-
lich nach giftigen Gasen.
Auf einmal war ich reines Bewußtsein; eine Art Energie-
niederschlag schwebte über den Bäumen. Wieder war dieses
Gefühl der Ganzheit da, des Einsseins wie damals mit neun Jah-
ren. Unter mir sah ich meinen leblosen Körper und meinen
Mann bei dem Versuch, ihn wiederzubeleben. Ich war mit mei-
nem physischen Körper durch eine Art Nebelfaden verbunden.
Da spürte ich, wie eine Schwingung, ein Ton mein Wesen wieder
zu meinem Körper hinzog. Er rief nach mir, schrie meinen
Namen, während er mich schüttelte, aber ich wollte noch nicht
zurückkehren. Ich war frei und außerhalb der Zeit, ich wollte
mich nicht wieder in den engen Handschuh meines Körpers
zwängen! Da war sie wieder, diese blitzartige und konzentrierte
Vision meines Lebens, des Lebens, das ich noch vor mir hatte.
Ich erkannte, daß ich noch einen weiteren Teil meiner Lebenser-
fahrung zu entfalten hatte, daß es nicht in Ordnung wäre, jetzt
einfach abzubrechen. So kam ich zurück. Ich vergaß sogleich
alles, was ich erlebt hatte, aber eine klare Gewißheit blieb: Mein
Leben hat einen Sinn, und dieser greift über den Tod hinaus.
Dieses Erlebnis bewirkte eine noch engere Verbundenheit zwi-
schen uns.
Wir wuchsen weiter, hatten weniger Konflikte. Jetzt lebten
wir schon 10 Jahre zusammen und es kam die Zeit, wo wir uns
ein Kind wünschten. Unsere Verbindung war stark genug, um
Eltern sein zu wollen.
Dank meiner "Erinnerungen an die Zukunft" wußte ich schon
vor der Schwangerschaft, daß es ein Junge werden würde. Ich
fühlte überdies seine Nähe. Ich hatte eine gute Schwangerschaft
und eine normale Geburt. Marcos war ein schönes und gesundes
Kind, aber ich wußte, daß er "anders" war. Er hatte einen eigen-
artigen Blick voller Tiefgründigkeit. Ich schrieb meine Eindrücke
und Unsicherheit der Tatsache zu, daß ich zum ersten Male Mut-
ter war. Ich gewöhnte mich dann an ihn, und zwei Jahre später
fühlte ich ein anderes Kind in meiner Nähe. Wieder einen Jun-
gen. Ich hätte lieber noch gewartet, aber das neue Wesen machte
sich bereits bemerkbar.
Ich wurde wieder schwanger. Diesmal erlebte ich den Augen-
blick der Empfängnis: Eine Lichtexplosion begleitete den Augen-
blick, in dem das neue Wesen in mich eindrang. Die ganze Zeit
der Schwangerschaft war eine Zeit der Ausdehnung und der Fülle.
Doch hatte ich es schwer, mit mir selbst zurechtzukommen. Alte
Gewohnheiten veränderten sich. Ich konnte kein Fleisch mehr
essen und keinen Kaffee riechen. Ich war sehr empfindlich, was
die Ausstrahlung anderer Menschen betraf oder die Schwingung
an bestimmten Orten.
Flavios Vater und ich waren innig vereint. Wir beschlossen,
daß diese Geburt ausschließlich unsere Sache war. Und es wurde
wirklich die Erfahrung meines Lebens, die mich am tiefsten
bewegte.
Sobald die ersten Wehen auftraten, wurde ich von Wellen
starker Energie durchflutet. Ich entdeckte, wie der Schmerz sich
in Wohlgefühl verwandelte, wenn ich mich dem Strom des
Lebens anheimgab. Das Zusammenziehen der Wehen wurde zur
Erweiterung, die Angst zur Freude.
Mein Mann hielt mich fest und schenkte mir seine Kraft. Die
ganze Geburt war eine Zeremonie. Er, ich und das kommende
Kind bildeten einen Kreis. Mit dem letzten Druck, mit der letz-
ten Welle des Schmerz-Lust-Gefühls wurde ich in eine eigen-
artige Erfahrung hineingerissen. Ich erlebte, wie mein Körper
immer und immer wieder nur als vorübergehende Hülle für zahl-
los aufeinanderfolgende Geburten und Tode dient. Die Zeit ver-
ging schwindelerregend schnell, ich wurde geboren und starb
unaufhörlich. Es vermischten sich Teile von Leben mit anderen
Todesaugenblicken, mit einer anderen Form des Seins.
Und wieder wußte ich alles, verstand ich alles. Ich bin, wir
alle sind Verdichtungen des Lebensprozesses. Der Tod ist eine
Geburt, die Geburt ein Tod!
Während ich den klebrig-warmen Körper meines Söhnchens
streichelte, kehrte ich in unsere Raum-Zeit-Ordnung zurück.
Ich war wieder da und er auch. Wir sahen uns an. Ich war
über seine Augen nicht erstaunt: Er hatte denselben eigenartig
tiefgründigen Blick meines ersten Sohnes. Jetzt weiß ich es: Wir
sind von derselben Rasse, dem neuen Geschlecht

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