Mittwoch, 3. Dezember 2008

Der Engel des Vergessens


Foto . René Weber . www.park-cafe-rene.de

Der Engel des Vergessens


Papa: Es gibt eine alte Legende, die sagt, daß alle Kinder vor
ihrer Verkörperung mit den göttlichen Wahrheiten in Verbin-
dung stehen. Aber im Augenblick der Geburt küßt sie ein
Engel auf die Lippen und versiegelt sie hierdurch. Er heißt
Engel des Vergessens. Deshalb müssen die Menschen alles
lernen, sie erinnern sich an nichts.
Flavio: Ja, das stimmt. Aber ich war auf der Hut, und als der
Engel kam, bog ich den Kopf zur Seite, und er berührte mich
nur ein ganz klein wenig. Deshalb erinnere ich mich. Es ist
traurig, wenn man alles vergißt.
Jetzt kommen immer mehr Kinder, die die Erinnerung an
Gott mitbringen. Aber das Schwierigste ist nicht, sich zu
erinnern, sondern es in Worte zu kleiden.
Flavio, 5 Jahre


Erinnerungen
Ich erinnere mich besser an die Zeit vor meiner Geburt als an die
ersten drei Jahre meines Lebens. Mein vorgeburtliches Leben
überschaue ich aus allen Blickwinkeln. Meine Sicht hat keine
Grenzen, da ich nicht mit physischen Augen sehe. Auf diesem
Planeten, der so dicht ist, bin ich zum erstenmal. Ich war schon
vorbereitet, auf anderen Planeten, wo ich das Körperliche üben
konnte. Das war so, wie wenn man in der Luft ohne Bleistift
Schreiben lernt. Aber das hier ist doch ganz anders, sehr eigenar-
tig; ich habe einen physischen Körper. Die wenigen Grundregeln,
die ich mitbringe, um hier existieren zu können, lauten: Ja und
Nein, Zeit und Raum. Dies hier ist eine Welt der Gegensätze.
Ich erinnere mich an hunderte von leuchtenden Kugeln; alles
Lebendige ist eine leuchtende Kugel. Einige von ihnen können
mir behilflich sein, mich auf diesem schwierigen Planeten
zurechtzufinden. Ich sehe zwei Mütter, die für mich in Frage
kämen, eine mit einem starken Ego, die andere von feinerer Art,
also genau richtig. Diese zweite ist mit einer Kugel verbunden,
die sehr hell leuchtet. Jetzt weiß ich, daß es die Farben grün und
violett waren. Sie ziehen mich an, weil sie durch Liebe verbun-
den sind. Sie werden meine Eltern sein. Ich weiß, daß ich gehen
muß und fühle mich mehr und mehr zu ihnen hingezogen. Dann
kommt ein leuchtender Tunnel, rundum ist es finster. Als ich
eintrete, fühle ich mich sehr beengt, sehr eingesperrt.
Meine Geburt in diese Welt gleicht dem Tod der Menschen:
Man begibt sich auf eine schwierige, unbekannte Ebene.
Der physische Werdegang meines Lebens beginnt damit, daß
ich in meine Mutter eindringe. Ich suche ihren Geist auf, weil er
der feinstofflichste Teil ist, den ich finden kann; von dort leite ich
die Entwicklung meines Körpers ein.
Nach der Geburt bleibe ich geistig mit meiner Mutter ver-
bunden, obwohl sich mein Körper schon von ihr getrennt hat. Ich
glaube, daß ich mich aus diesem Grunde an nichts Persönliches
mehr erinnere bis zu meinem dritten Lebensjahr. Meine Mutter
erzählte mir später, daß sie die Welt in jener Zeit ganz eigenartig
empfunden habe. Wahrscheinlich deshalb, weil ich versuchte, die
Welt durch ihren Geist zu verstehen.
Eines Abends gingen meine Eltern ins Kino, um sich den
Film "The Wall" anzusehen. Ich sah diesen Film ebenfalls! Da
gab es Szenen mit schrecklichen Trickzeichnungen und eine sehr
traurige Geschichte von einem Jungen, der keinen Vater hatte.
Da wurde mir bewußt, daß ich zu sehr an meiner Mutter hing,
und ich erkannte, daß der Augenblick gekommen war, in die
Welt hinauszugehen. Mein Bruder war damals sechs Jahre alt;
ich konnte mich an ihn wenden, er würde mir helfen. Marcos ist
eine feine Seele, schon sehr alt auf diesem Planeten. Er hat mar-
sische Energie und kam hierher, um mit der Farbe Rot umzuge-
hen. Wir beide sind ein Seelengespann; Marcos wurde vor mir
geboren, um mir mit seiner Kraft den Weg zu ebnen.
An diesen Film knüpft sich meine erste eigene Erinnerung.
Ich weiß, daß ich zum Bett meiner Mutter lief und sie heftig
umschlang. Mein Kopf tat weh; die Trickzeichnungen und die
Filmmusik geisterten in ihm herum. Ich summte einige Melodien
und erzählte meinen Eltern dann, was ich am Abend zuvor gese-
hen hatte. Sie waren äußerst erstaunt; sie konnten es sich nicht
erklären, und ich konnte es ihnen nicht begreiflich machen. Ich
war noch sehr klein und hatte mehr Bilder und Töne im Kopf als
Worte. Marcos erklärte ihnen, ich sei während des Schlafes aus mei-
nem Körper ausgetreten, um mit ihnen ins Kino zu gehen. Dann
schimpfte er mit mir und sagte, ich solle so etwas nie wieder tun.
Als ich zu Verstand gekommen war, wurde mein Leben hier
sehr schwierig. Mein Körper machte mir großen Kummer und vor
allem das Essen. Das Essen ermöglicht einem auf sehr indirekte
Weise, die nötige Kraft zu schöpfen; ich konnte mich nicht daran
gewöhnen. Tagsüber war ich müde, nachts besuchte ich andere
Planeten. Während des Schlafes betätigte ich mich als "Berichter-
statter". Ich teilte den Wesen anderer Welten telepathisch mit,es auf der Erde zugeht. Alle fanden es höchst eigenartig.
Ich wußte, daß ich hierbleiben mußte, aber es war recht
schwer für mich, und ich fühlte mich sehr einsam. Mein Bruder
wurde auch älter und begann, verschlossener zu werden.
Als ich fünf Jahre alt war, lernte ich eine Dame aus Brasilien
kennen, deren Anliegen es ist, spirituelle Dinge zu lehren. Das
war ein wichtiges Treffen für mich, da sie denselben Auftrag
hatte wie ich. Sie erzählte mir von ihrer Kindheit und wie
schwer es ihr gefallen sei, in ihrem Körper zu bleiben und mein-
te, daß ich mich entscheiden müsse. Sie erklärte, mein Körper
sei das Instrument, mit dem ich meine Aufgabe auf der Erde
erfüllen könnte. Ich solle lernen, mit ihm zurechtzukommen und
ihn mit der Energie der Physischen Ebene zu nähren. Das alles
wußte ich schon aus mir selbst, aber es tat mir gut, dasselbe von
ihr zu hören.
Später lernte ich noch andere Personen kennen, die wie ich
gekommen sind, um eine bestimmte Arbeit zu verrichten. Wir
haben den Auftrag, einen Wandel einzuleiten. Die Erde hat
begonnen, weniger physisch zu sein, sie ist spiritueller geworden.
Einige Leute meinen, auch ich werde mit zunehmendem Alter
weniger offen für das Geistige sein, aber das glaube ich nicht. Ich
weiß, daß ich nichts von dem vergessen kann, was in meinem
innersten Wesen ist.
Flavio, 9 Jahre


Das bin ich: Große Augen und sehr große Füße, die mich fest auf
der Erde halten.
Flavio, 4 Jahre

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