Dienstag, 20. Januar 2009

Gott und die Liebe


sonne der bretagne by jan schumacher

Gott und die Liebe

Flavio umarmt seine Mama in einer Anwandlung von Zärtlichkeit.
Ich habe dich so lieb, Mama! Ich bin glücklich, weil ich dich so
lieb habe... Aber ich kann dich auch liebhaben, wenn du nicht
meine Mutter bist; ich kann jeden sehr liebhaben, genauso sehr
wie dich. Wenn man einen Menschen sehr liebt, hat man alle lieb.
Ich habe dich lieb, weil wir Teilchen sind, die aus Gott
gekommen sind! Alle Menschen sind Teilchen von Gott! Gott ist
in allen Welten, er ist in Teilchen aufgeteilt, er ist überall, und er
ist auch in der Leere. Jede Welt ist ein Teil von Gott. Aber Gott
ist auch im Raum, Gott ist alles, was es gibt, alles, alles, was
man anfassen kann und was man nicht anfassen kann, was man
sieht und was man nicht sieht. Gott stirbt nie, aber damit man
lebendig ist, muß man ein Teil sein, der aus Gott kommt. Ich
glaube, ich bin ein Teilchen, das aus dem Herzen Gottes gekom-
men ist. Na ja, nicht wörtlich gemeint, weil Gott keinen Körper
hat, ich will sagen, ich komme aus der Liebe Gottes.
Weißt du, Mama, wenn ich in den Bußwinkel geschickt
werde, geht es mir sehr gut, weil ich nicht denke. Denken ist
nach innen sprechen, und ich bin innerlich still. Dann bin ich
das, was aus Gott gekommen ist, und bleibe dort. Aber glaube
nicht, daß da ein Loch bleibt, wo ich herausgekommen bin, weil
Gott, auch wenn er in Teile geteilt ist, immer ganz bleibt.
Flavio, 4 Jahre

Die Dinge Gottes
Flavio: Mama, was für eine Religion hast du?
Mama: Ich habe keine Religion. Ich bin als Christin erzogen
worden, aber es ist für mich nicht wichtig, einer Religion
anzugehören. Ich glaube, daß Gott Liebe ist.
Flavio: Ja, aber Gott ist nicht nur Liebe. Er ist auch Haß.
Alles kommt von Gott. Auch der Haß. Es stimmt, daß
menschliche Wesen herauskommen, wenn sich Gottes Liebe
öffnet. Haß ist der zusammengeknüllte Teil Gottes, Liebe ist
der Teil, wo er offen ist.
Mama: Was meinst du mit "zusammengeknüllt"? Was soll das
heißen?
Flavio: Zusammengeknüllt, so (er nimmt eine Papierserviet-
te). Alles zusammengeschoben, zerdrückt. Haß ist gefesselte
Liebe. Die Liebe dagegen ist nicht zusammengeknüllt und
nicht getrennt, sie ist normal. Siehst du? (Nimmt ein Buch)
So wie diese Buchstaben, sie sind nicht zusammengedrückt,
nicht zu eng beisammen und nicht zu weit voneinander
getrennt, sie sind geordnet. Deshalb kann man sie lesen. Soll
ich dir erzählen, was die Menschen machen?
Mama: Ja natürlich, erzähl mir.
Flavio: Die Seele geht aus Gott hervor und zieht sich ein
Kleid an. So entstehen die Menschen. Es gibt sowas wie ein
Ankleidezimmer, wo alle Kleider hängen. Gott sagt der Seele,
welches Kleid sie anziehen soll. Das Kleid ist der Körper. Die
Form des Körpers richtet sich nach der Welt, in die die Seele
gehen will. Mir hat er das Kleid für die Erde gegeben. Die
Menschen haben alle dasselbe Aussehen, so wie du, wie ich,
wie Marcos. Na ja, es ist schon ein Unterschied, aber nur im
Gesicht. Die Frauen sind auch verschieden von den Männern,
aber der Unterschied ist nicht so groß.
Zuerst hat Gott existiert, nicht die Welten. Damals gab es
nur Gott. Alles, was es jetzt gibt, war damals in Gott. Die
Planeten leben auch. Alles lebt. Die Steine zum Beispiel
haben in sich eine Form, aber diese Form sieht man nicht.
Mama: Was willst du damit sagen? Das verstehe ich nicht.
Flavio: Schreib auf, irgend jemand wird es verstehen. Das
erste, was nach Gott existierte, waren die Welten... Das Uni-
versum... Man lebt immer, immer! Auch wenn man stirbt...
Weil auch nach dem Sterben die Seele da ist. Die Zeit ist das,
was zwischen dem Geborenwerden und dem Sterben ist. Man
kann ein Mensch werden oder ein Planet.
Mama: Woher weißt du denn diese Dinge?
Flavio: Ich weiß alles durch Gott.
Die Dinge, die ich weiß, weiß ich durch Gott.
Um die Dinge Gottes zu entdecken, muß ich an Gott denken.
(Er macht die Augen zu und bleibt entspannt und entrückt
sitzen.) Nach einigen Sekunden des Schweigens sagt er froh:
Mein Sonnenlicht ist angegangen!
Mama: Was willst du damit sagen?
Flavio: Das ist so, wie wenn man sagt: Mir ist ein Licht auf-
gegangen!
Flavio, 5 Jahre

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